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08./09.11.2025 Silver Skiff Turin ITA
Georg Friedl beim Silver Vintage
Folgende Nachricht bekomme ich Mitte September per WhatsApp: „ Servus Georg,. Ich wollte fragen ob du mir helfen kannst. Ich würde gern beim Vintageskiff in Turin Teilnehmen. Die Anforderungen ans Boot machen das aber challenging. Boat type: only vintage wooden skiffs are allowed. Construction date: Boat must been built up to 1991. Equipment: wooden trolley and pedal board (secured with laces or Velcro sandals. Aluminium oarlocks. Wooden oars fitted with macon style shovel! Hättest du eine Idee, wo ich so ein Boot finden kann und wo ich die Chance habe es auszuborgen? Boote hätten wir ja, aber nicht mehr die Dollen. 20Sekunden Zeitstrafe für jeden Regelverstoß. LG Joe vom Pirat.“
Das Silver Vintage ist ein Side-Event (4km) des legendären Silver Skiffs (11km). Organisierender Verein ist die „Reale Societa Canottieri Cerea, gegründet 1863. Ein Verein, der meines Erachtens nobler nicht sein kann. In der Männergarderobe hängt ein alter Holzachter. Sportgeschichte die sich mit viel Fantasie im wahrsten Sinne riechen lässt und eine Kantine fast a la Hans, nur eben Iialienisch.
Schon im Frühling 2025 habe ich durch einen glücklichen Zufall einen leichten Schellenbacher 1x gefunden, welchen ich auch erwerben konnte. Dabei handelt es sich nicht um irgendeinen Einer, sondern Astrid Ungers 1x „Los Angeles“, der 1984 tatsächlich bei den Spielen in Los Angeles zum Einsatz kam. Auch in der LIA kam das Boot scheinbar zum Einsatz und hat dies auch recht unbeschadet überstanden. Gewichtstechnisch ist Joe aber für das Boot leider nicht geeignet.
Joe meinte nur: „Aber wir haben sicherlich einen Platz für dich…fahr doch mit. Den Bootstransport machen wir auch.“ Eigentlich eine coole Idee. Meine Frau sagte sofort als Support zu…es gab also kein Zurück mehr. Gesagt, getan, gemeldet. Selbstverständlich auch für die 11km.
Welch grandiose Idee ?! Meine letzten Einerausfahrten liegen schon mindesten 15 Jahre zurück. Nur knappe 250 km Trainingskilometer im Mannschaftsboot Mitte September sind wohl eher kläglich. Das Boot bei war längst nicht einsatzbereit (zumindest für meine persönlichen Ansprüche), keine eigenen Ruder. Weder alt noch neu, altes Zubehör kaum zu finden….und nur noch wenige Wochen Zeit. Aber unter Druck arbeitet es sich bekanntlich besser.
Zwei wertvolle Trainingswochen gingen für das Refit, Feinjustierung des Bootes sowie die Beschaffung alter Dollen und Ruder drauf. Aber gute Vorbereitung sollte sich bezahlt machen. Messingdollen wurden freundlicherweise von Gerhard Kalloch zur Verfügung gestellt, Alte Ruder vom WRV Austria und auch altes Rudergewand habe ich von Roland Vogtenhuber geborgt bekommen (Made in Western Germany). Moderne Ruder und SpeedCoach hat mir Xandi geborgt. Die ersten Ausfahrten (Moderne Dollen und Ruder) waren dank Wind und Welle mehr schlecht als recht. Den Spaß an der Sache musste ich erst finden und ich hatte ernsthafte Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Unternehmung. Es wurde aber von Mal zu Mal besser. Irgendwann gab es dann doch noch windstille Tage und das Rudern wurde zum Genuss. Mit Veli und Clara als Sparringspartner früh morgens kamen dann in kurzer Zeit über 100 km zusammen. Joe und Barbara konnten zwischenzeitlich auch Holzboote finden. Die drei Boote wurden kurz vor der Regatta mit alten Dollen ausgerüstet. Unsere wenigen Testfahrten etwa eine Woche vor der Regatta waren technisch mehr als fordernd. Immerhin ist keiner von uns gekentert. Aber wir haben den Dreh herausbekommen. Die Zeiten aus 2024 machten uns zuversichtlich zumindest die Top 5 zu erreichen.
Donnerstag starteten Barbara und Joe direkt nach dem Training den Bootstransport. Kati und ich stiegen abends in den Flieger nach Bergamo und der Rest kam Freitags nach. Ein lustiger Mix aus Steiner RC, Pirat und Lia fand in Turin zusammen. Unsere Übernachtung in der Altstadt Bergamos hat sich absolut gelohnt. Und am Freitagnachmittag konnten wir noch bei Sonnenschein und Windstille die Strecke abrudern…Traumhafte Herbststimmung mit einmaliger Kulisse und italienischem Flair machten schon den Trainingslauf zum Highlight.
Samstag: Raceday Silver-Vintage: Typisch italienisch. Die strengen Auflagen aus der Ausschreibung der Vintage Regatta mit Zeitstrafen bei Nichtbeachtung wurden praktisch nicht kontrolliert. Lediglich moderne Ruder haben 20 Sekunden „gekostet“. Bekanntlich kommt aber im Leben alles zurück. Am Floss wurde beim An- und Ablegen geholfen. Mein Helfer legte meine frisch gefetteten Ruder in die öligen Dollen und holte sich dabei dreckige Hände. Auf seine Frage „What is this?“ konnte ich nur schelmisch antworten „100 percent vintage“. Im Rennen selbst haben wir dann doch ganz schön Prügel bezogen. Die Italiener haben ihre Top WM und Olympia Athleten (Gabriel Soares und Co) in Holzboote gesetzt, um nichts dem Zufall zu überlassen und den nationalen Stolz zu wahren. Meine Nervosität in Kombination mit dem technisch fordernden Vintage Equipment ließen mich keinen Rhythmus finden (Platz 10), Joe (Platz 8) kämpfte mit krampfenden Unterarmen dank schwer drehender Ruder. Und auch Georg Mantler (Steiner RC, Platz 13) hatte zu kämpfen. Verlass war aber auf Barbara Peutz (Pirat). sie konnte mit einem 12ten Platz in der Ü50 Kategorie der Damen eine wunderbare Trophäe abholen. Insgesamt waren 26 Vintage Boote in der Overall Wertung. Ein Event bei dem ich aber sofort wieder starten würde, um den „Vätern“ des Rudersports Tribut zu zollen. Nach dem Rennen habe ich noch schnell das Boot vom alten Material befreit und auf moderne Komponenten umgeriggert. Die 11km sollte ich ja ebenfalls mit dem Holzboot bestreiten. Ein kurzer Trainingslauf war noch drinnen um zu sehen wie leicht es sich mit Hackebeil und Concept-Dolle rudern lässt.
Sonntag: Raceday Silver-Skiff: 662 gemeldete Boote aus 26 Nationen sollten Sonntags über die 11km den Weg ins Ziel finden….Eigentlich unvorstellbar, wenn man an einen italienischen Kreisverkehr denkt. Aber irgendwie funktioniert es doch besser als gedacht. Einige wenige (sehr kleine) An- und Ablegestege genügen um alle Teilnehmern (mehr oder weniger geordnet) etwa alle 15 bis 20 Sekunden mittels fliegendem Start bei perfekten Ruderbedingungen auf die Strecke zu schicken. Die Jungs vom Pirat und aus der Wachau starteten kurz nach 9:00 Uhr (Sie hatten bereits Zeiten deutlich unter 55 Minuten in den früheren Jahren und wurden mit Startplätzen unter 100 gereiht). Da ich ein Silver-Skiff Novize bin, wurde ich weit hinten gesetzt (407) und erst gegen 11:00 rausgelassen. Zumindest konnte ich stressfrei frühstücken und den Rummel genießen.
Matthia Peterle schon beim Abrigegern, ich erst beim Ablegen, gab mir nach seinem Lauf enthusiastische Tipps: „Rhythmus stromauf finden und nicht sterben. Bergab kann man es dann krachen lassen.“ Endlich am Wasser, mit wirklich vielen ein und auslaufenden Booten, war keine Zeit mehr um nervös zu sein. Das reinste Spektakel und dann ging es auch schon los…schneller als gedacht. Vom ersten Schlag an hatte ich Spaß an der Sache. Mit etwas Geschick konnte man die strömungsberuhigten Uferzonen nutzen, um Meter zu machen. Ein spannender Mix aus überholen und überholt werden, Brückendurchfahrten, Bojenketten und Kurven machten die erste Hälfte doch recht kurzweilig. Rasch und knapp um die Wendeboje und noch nicht gestorben, ging es dann flussmittig stromab. Der 500 m Split war dann schon meist um 20“ schneller als stromauf. Die letzten 2000 m Endspurt waren dann doch etwas ambitioniert und ich habe diesen auf den letzten 1000er verschoben. 50:00 Minuten habe ich im Idealfall angepeilt. Mit 49:07 konnte ich zeigen, dass Holzboote lange nicht zum alten Eisen gehören (ordentlich gepflegt und eingestellt vorausgesetzt). Ein 2:20er Split mit dem ich zufrieden bin. Im Overall Ranking konnte ich mich knapp nicht im schnellsten Drittel einordnen (222 von 662), aber dabei doch den ein oder anderen 2m Angstgegner stehen lassen. Gewonnen hat Martin Sinkovic mit 40:19 vor Soares (41:04) und Pimenov (41:05). Schnellster Österreicher auf Platz 111 mit 46:18 war der Pirat Mattia Peterle, knapp gefolgt von Steven Zimmermann auf Rang 123, Joe Pilz auf 143, Mantler Georg auf 152, Walter Aigner auf 205 (MMF-Respekt), Fabian Lahrz 241 gefolgt von den Damen.
Ein Regattawochenende das die weite Anreise mehr als wert war. Herzlichen Dank an alle die dies möglich gemacht haben. Vielleicht finden sich in den nächsten Jahren ein paar Lianesen um gemeinsam Flagge zu zeigen!
Foto credits: Georg Friedl
















