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Der Erste Wiener Ruderclub LIA wurde 1863 gegründet und ist damit der älteste Körpersport treibende Verein Österreichs. ...

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Dienstag, 9. März 2021

9.3.2021 Niederlande auf Goldkurs in Tokyo

Zur Nachahmung empfohlen


Wer die Medaillenernte der Niederländer bei der Europameistersch aft als große Überraschung empfunden hat, sollte einen Blick auf die Ergebnisse der Weltmeisterschaft 2019 in Linz werfen: Dort kündigte sich die Stärke der Niederlande bereits mit zehn Medaillen an. Nur eine Goldmedaille mehr und die Niederlande wäre hinter Neuseeland Zweite im Medaillenspiegel gewesen.

Reorganisation : aus Niederlagen lernen

Um diesen Erfolg zu erklären, gehen wir zunächst bis zu den Olympischen Spielen 2012 in London zurück. Die Spiele verlie fen für die Niederlande mit nur einer Bronzemedaille für den Frauenachter enttäuschend. Die gesamte Organisation des Spitzenruderns beim Ruderverband KNRB kam auf den Prüfstand.

Als Leiter der Untersuchung wurde bewusst ein Außenstehender ernannt, Joop Alberda, Trainer der niederländischen Männer-Volleyballmannschaft, die 1996 in Atlanta Olympiasieger wurde, und Chef de Mission der Niederlande bei den Spielen in Sydney 2000. Erste Konsequenz: Zahlreiche erfahrene Trainer und ehemalige Top-Ruderer kehrten zum Verband zurück, nachdem sie zuvor von selbst gegangen waren oder gefeuert wurden . So sind zum Beispiel 2013 die derzeitigen Cheftrainer Mark Emke und Josy Verdonkschot wieder in den KNRB eingetreten. Eben so der zweifache Olym piasieger Ronald Florijn, der Junioren-Nationaltrainer wurde. Die Position des Technischen Direktors wurde von einer Person außerhalb der Ruderwelt, Hessel Evertse, besetzt. Er war 22 Jahre lang beim niederländischen Wassersportverband tätig und am Erfolg des niederländischen Segelteams in London beteiligt: Gold, Silber und Bronze bei den Olympischen Spielen und Gold und ßronze bei den Paralympischen Spielen, das beste Ergebnis jemals im Segeln.

Talente : kein zentrales Training

Eines der ersten Resultate der Reorganisation: Im Verband kehrte Ruhe ein. Als Technischer Direktor ist Evertse ein Mann, der nicht auf den kurzfristigen Erfolg setzte, sondern auf lange Sicht plante. Seine strategische Ausrichtung bezog sich auf drei olympische Zyklen, sein Credo :" Talent braucht 10 Jahre zur Entwicklung." Dieser Grundsatz gilt auch heute: 2021 lautete deshalb die Frage: "Was müssenwir jetzt tun, um in acht Jahren in Los Angeles 2028 Medaillen zu gewinnen?"

Dieser seit 2013 entwickelte Ansatz zur Talente entwicklung wurde seitdem konsequent umgesetztm auch im personellen Bereich. Zunächst gab es noch einen Nationaltrainer für Junioren und einen für die U23, aber diese Funktionen wurden inzwischen zusammenfelegt, Dafür begleiten zwei Talentetrainer für Männer und Frauen nun die Nachwuchstalente durch den gesamten Prozess vom Juniorenrudern bis zum A-Kader. Diese Begleitung geschieht hauptsächlich in den Ruderveremen und in geringerem Maße durch zentrale Trainingsmaßnahmen.

Ronald Florijn, Talentcoach Männer, startete zum Beispiel ein Achter Projekt mit den Junioren. 2014 gewann er achtmal Silber und Gold bei den Junioren-Weltmeisterschaften. In den Jahren 2016 und 17 gab es bei der U23 WM Gold. Heute sitzen drei der acht Ruderer , Schwarz, van Dorp und Hurkmans im "Holland 8+" ( Anm. : diesen zitierten Achter hat ein reiner LIA Junioren Achter 2014 beim  Basel-Head geschlagen)

Viele der derzeitigen Top-Ruderer begannen  als  Junioren und setzten ihre Karriere dann  bei einem der  Studentenvereine in den Universitätsstädten fort, wo professionelle Trainer arbei ten und Top-Material zur Verfügung steht. So können sich die Ruderer und Ruderinnen ohne zentrales Training des Ruder­verbandes gut entwickeln. Man könnte aus der Entwicklung zu Recht den Schluss ziehen, dass der Ruderverband erst jetzt die dezentralen Trainings in den  Rudervereinen  wirklich effizient für die Entwicklung neuer Top-Ruderer nutzt .

Männer: mehr Spitzenruderer , mehr Medaillen

Der Männer Riemenbereich verzeichnete bereits 2013 einen ersten Erfolg: Der Vierer gewann Gold bei den Weltmeisterschaften in Chungju. Deshalb blieb der Fokus lange Zeit auf dem Vierer als vorrangigem Boot der Männer - bis Nationaltrainer Mark Emke 2015 eine Kursänderung einschlug. Da der Verband inzwischen  über  genügend  schnelle  Ruderer  verfügte ,  wurde der Hollandachter zusammen gestellt. Zum gleichen Zeitpunkt startete er auch ein Krafttraining. um die Physis der Ruderer zu verbessern. Denn den Niederländern fehlte, so seine Analyse, im internationalen Kontext oft die körperliche Kraft. In Rio 2016 zahlte sich dieser Ansatz mit einer Bronzemedaille für den Achter aus. Später arbeitete Emke mit dem Sportphysiologen Jabik Jan Bastiaans zusammen , der seitdem die Trainingspläne der Ruderer optimiert. Seit dieser Zeit entwickeln  sich  neue  Talente im Skullen, der Disziplin, in der es seit Jahren keine internationalen Top-Teams gegeben hatte. Ein neu zusammen gestellter Doppelvierer wurde 2019 und 2020 Europameister und 2019 sogar Weltmeister . Im Windschatten des Erfolgs qualifizierten  sich auch der Doppelzweier und der Einer während der Weltmeisterschaft 2019 in Linz für die Olympischen Spiele. Zusätzlich hat sich auch der Riemenbereich auf ein höheres Niveau weiterentwickelt: neben dem Achter ist nun auch der Vierer ein Medaillen-Kandidat.

Frauen : hohe Qualität im Skullen

Wer mehr Medaillen gewinnen will, muss beides tun: so­ wohl den Riemen- als auch den Skullbereich entwickeln. Diese Marschroute setzte Cheftrainer Josy Verdonkschot und begann 2014 damit , die Frauen in kleinen Bootsklassen  trainieren  zu lassen. Durch Training ausschließlich im Einer und Zweier ar­beitete er daran, die Qualität der Skullerinnen  zu erhöhen. Im Jahr 2015 war die Geburt eines Doppelvierers, der mit wenigen Veränderungen fortan jedes Jahr nach den Finals bei interna­tionalen Wettkämpfen auf dem Podium  stand.  Höhepunkte waren die Silbermedaille in Rio 2016 und die Goldmedaille bei der Weltmeisterschaft 2017 und der Europameisterschaft 2020. Gleichzeitig stieg auch das Niveau der Riemen-Ruderinnen. Verdonkschot analysierte, welche Bootsklasse die besten  Chancen im internationalen Vergleich besäße. Er entschied sich für den Riemenvierer , die Bootsklasse, die bei den Frauen in Tokio zum ersten Mal auf dem  Programm  steht. Die  Mannschaft, die dieses Jahr in Tokio starten wird, wurde 2019 und 2020 Europameister und gewann bei der Weltmeisterschaft 2019 Silber . Das Niveau der Skullerinnen ist inzwischen so ausgeglichen, dass es zwischen dem  Doppelvierer  und dem  Doppelzweier  nicht möglich war zu entscheiden, welches Boot von beiden vorrangiges ist - beide Teams sind gleich stark. 

Die Basis : Trainingszentrum und Sponsoren

Beide Cheftrainer haben innerhalb des Ruderverbandes die Möglichkeit und Freiheit, ihr Programm auf eigene Weise zu realisieren. Zum  Beispiel  stellt  Verdonkschot  seine  Mannschaften oft später als Emke zusammen und beide haben ihr eigenes Timing und ihre bevorzugten Orte für Trainingslager. Doch sie haben  gegenseitiges  Vertrauen   und   können  sich  auf  die  unterstützende Organisation verlassen. Wissenschaftliche Fragestellungen und die  Ernährung  der  Athleten  treten  zunehmend  in den Vordergrund - Ärzte und Physiotherapeuten sind   fester  Bestandteil des Teams.  In den vergangenen zehn Jahren wurde ein klarer Schritt Richtung Professionaliserung eingeschlagen. Finanziell ermöglicht wurde dies  durch  die  Zusammenarbeit  mit dem  Hauptsonsor AEGON, der seit 2010 bis einschließlich Tokyo als Sponsor an Bord ist. Auch die Kooperation zwischen "Holland 8" und Red Bull zählt zu den finanziellen Säulen, von der nicht ur die Ruderer des Achters profitierten. Die Athleten werden vom Ruderverband nicht nur in ihrer sportlichen  Entwicklung  unterstützt, sondern sie erhalten auch Unterstützung für die Zeit nach ihrer Sportkarriere.Schon während der aktiven Zeit wird die ruderische Planung eng mit den Studienplänen verzahnt , Zusammen mit der finanziellen Unter­ stützung, die die besten Ruderer - die sich bei einer Weltmeisterschaft oder bei Olympischen Spielen für die Finals qualifizieren - vom niederländischen Topsportverband erhalten, sind dies gute Bedingungen, die eine längere Karriereplanung ermöglichen .                 

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Seinen Hauptsitz hat der Ruderverband im „Olympic Training Center (OTC)" am Bosbaan in Amsterdam , wo die Nationalmannschaften zusammen tra inieren. In dem 2014 eröffneten Komplex hat nicht nur  das  KNRB-Verbandsbüro seinen  Sitz, dort sind auch Räumlichkeiten untergebracht für das Kraft- und Ergometer -Training, Ruhe- und Lernbereiche und seit 2019 eine professionelle Küche für sportgerechte Ernährung. Diese Einrichtung hat zweifellos zum weiteren Zusammenhalt der Nati­onalmannschaft beigetragen.

Prognose : fünf Medaillen in Tokyo 

Aus unserer Sicht ist der Erfolg der niederländischen Ruderer wesentlich auf die beschriebenen Entwicklungen zurück­zuführen, die vor acht Jahren begonnen haben. Sie bilden die Voraussetzungen für den Erfolg. Zu diesem Erfolg gehört aber auch Glück, das Glück einer goldenen Generation von Talenten an Ruderern und Ruderinnen , und das Glück, die richtigen Leute im Team zu haben. Um eine Prognose zu wagen: Für Tokio hat der technische Direktor Evertse fünf Medaillen als Ziel genannt. Vier für die olympischen Mannschaften, eine für die paralympischen Doppelzweier. Die Hoffnung ist, zwei Goldmedaillen zu gewinnen. Das haben die Niederlande zuvor nie erreicht, aber nach den Ergebnissen der beiden letzten Jahre ist die Hoffnung realistisch und vielleicht sogar etwas vorsichtig.

LEONIE WALTA  Deutscher Rudersport

 

 

 


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